„Agency“ – der neue neoliberale Erfolg in den Sprachkriegen.

Bei der Verherrlichung der Prostitution als besondere freiheitliche Errungenschaft vor allem für Frauen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt, wird die Debatte oft mit dem Begriff der „Agency“ manipuliert.

Agency bedeutet – kurz und knapp und Wikipedia – „sozialwissenschaftlich die Wirkmächtigkeit, Kreativität und den subjektiven Sinn des Handelns“, noch knapper (und psychologisch) die Freiheit eigene Entscheidungen zu treffen und umzusetzen. Vermutlich hatte der Begriff auch mal eine echte, emanzipatorische Bedeutung. Inzwischen gehört er zu den Leichen? Trophäen? eines üblen Neoliberalismus aus amerikanischen „Think Tanks“, die sich vor allem zwei Aufgaben widmen: Wie können erzkonservative Weltbilder mit neoliberalen Wirtschaftsmethoden ideologisch verbunden werden? Und wie kann es so verkauft werden, dass genug Idiot*innen das für Freiheit halten?

Allen bekannte Beispiele sind „Modernisierung“ (=Massenentlassungen), „Freisetzung von bevormundenden Arbeitsverhältnissen“ (= Kündigung). Für diejenigen, die sich an die 80er und 90er Jahre erinnern, an Leute wie Reagan und Thatcher und die Wirtschaftsberichterstattung aller dt. Zeitungen. Irgendwann kam dann die Sprachkritische Aktion. (DANKE!!!)

Bei der Lobby-Arbeit für Prostitution (und für eine Legalisierung des Menschenhandels, denn bei manchen Lobbyist_innen geht es auch darum) lässt sich das dann so aufdröseln:

Menschenhandel im Lobbyspeak: Aussagen und „Argumentation“, also Verkaufsstrategie  

Menschenhandel…

– findet ja nur zu einem kleinen Teil zur sexuellen Ausbeutung statt, es gibt auch Menschenhandel zu anderen Zwecken, jawohl , und deswegen müssen wir sofort über etwas anderes reden als die sexuelle Ausbeutung. (Außer wir reden gerade über Ausbeutung in der Landwirtschaft, dann müssen wir über …… sagen wir Wasserknappheit in Timbuktu reden. Außer es geht um Wasserknappheit in Timbuktu. Dann müssen wir über Privatisierungssegnungen bei Wasserbewirtschaftung reden und …. aber auch das ist nicht so populär. Also müssen wir wieder in die älteste Schublade fassen, die wir haben, die Leute sind halt alle so „moralisch“ und so „sex-negativ“ und so. )
– wird aus politischen Gründen „feminisiert“, d.h. böse oder dumme Menschen, vor allem Feministinnen, nehmen absichtlich nur die Frauen wahr, obwohl das ja alles total verzerrt, denn es gibt noch Kinder (von Feministinnen ja sehr traditionell übersehen) und vor allem und immer am wichtigsten:  Männer …. und deswegen müssen wir jetzt über etwas anderes reden als über die Frauen, aber lieber doch nicht, denn solange wir über Frauen reden, können wir Feministinnen-bashing betreiben und das bringt uns Unterstützung.
– wird falsch wahrgenommen, und aus vielen Gründen werden von Feministinnen (auch wenn ihnen zu danken ist, das die Themen überhaupt mal angesprochen werden, heuchel heuchel) die betroffenen Menschen ja immer nur als „Opfer“ wahrgenommen, was sie aber zu passiven Empfängern westlicher „Wohltaten“ macht und ganz falsch ist und falsche Ansätze bringt, denn wenn Feministinnen von Opfern sprechen, sehen sie niemals, dass es Menschen mit Entscheidungskraft sind, das haben wir so beschlossen, weil es gut klingt.
– muss anders wahrgenommen werden, denn Menschen in schrecklichen Situationen haben nämlich Handlungsoptionen und Wünsche oder Ziele (was alle anderen außer neoliberale Lobbyist_innen ihnen total absprechen). Diese Handlungsoptionen und Wünsche der betroffenen Menschen sollten aber als  „limited agency“ definiert werden und so respektiert werden (denn Feministinnen fallen vor allem dadurch auf, dass sie Frauen nicht respektieren und nicht stärken, weil äh, egal, bashing geht immer) und so muss man die Entscheidungen positiv sehen, die verzweifelte Menschen aus dieser „limited agency“ heraus treffen. Zum Beispiel die Entscheidung, sich Menschenhändlern auszuliefern und in deutschen Bordellen „selbstbestimmt“ alles auszuhalten, weil das besser ist, als …. auch das wurde uns ja schon erklärt.

Der letzte Schritt wird dann den Lesern, Leserinnen überlassen.

Menschenhändler_innen und Zuhälter sind dann keine Ausbeuter_innen mehr oder Verbrecher, sondern Menschen, die anderen helfen, ihre „limited agency“ voll auszuschöpfen. Und dass sie damit unendlich viel Geld auf unendlich brutale Weise verdienen und dass damit Armut und Verzweiflung noch zur brauchbaren und begrüßenswerten, auf jeden Fall zur „realistisch“ und „vorurteilsfrei“ zu betrachtenden und zu nutzenden Ressource wird …. hey presto, der Schritt vom Betrachten der Opfer – ich habe vor dem Begriff keine Angst – und ihrer Entkriminalisierung zur Verherrlichung und Verharmlosung sowie Entkriminalisierung ihrer Ausbeuter wurde getan.

Auf diese Weise läuft die Prostitutionsdebatte und sie läuft vor allem international sehr erfolgreich. Die dringende Notwendigkeit, die Frauen selber zu entkriminalisieren und zu entstigmatisieren, in der Polizei und Sozialarbeit sinnvoll auszubilden und zu schulen – alles Teile des abolitionistischen Projekts – wird flugs umgeleitet in die angebliche „Notwendigkeit“, so ziemlich alle Formen von Zuhälterei und Menschenhandel zu legalisieren. Das mit der Polizeischulung und mit wirklicher engagierter stärkender und ausstiegsorientierter Beratungsarbeit ist dann nicht so wichtig, hier reden wir lieber über Einstiegsberatung – denn eine geschulte Polizei und sinnvolle Angebote an die Frauen könnten ja die limited agency der betroffenen Frauen und anderer ent-limiten, sprich, die Frauen hätten „agency“ und das ist für Zuhälter und Freier nun gar nicht gut. Dann machen die Frauen nämlich etwas anderes.

Bevor mich jemand über Arbeitslosigkeit und Armut aufklärt: Beweis antreten, dass Prostitution eine Strategie dagegen ist. Sowohl auf individueller als auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene. Und nope – „nachhaltige Bewirtschaftungsmethoden“ als Beitrag zur Debatte ist nicht angebracht. Es geht um Menschen hier, nicht um eine beliebige Ressource, und „nachhaltige“ Prostitution gibt es auf individueller Ebene nicht. Auf staatlicher nur, solange es so läuft wie hier – Import von jungen Frauen als Rohstoff, Ausbeutung und Nutzung hier, und Abschiebung, wenn sie krank sind. Nicht mehr können. Oder die völlige Marginalisierung, die alle hier trifft, die arm sind und/oder krank sind. Prostitution ist kein Angebot gegen Armut.

Wenn diese Art der Lobby-Arbeit nicht schon so immens erfolgreich wäre und nicht schon so viele Menschen und ihre Chancen und Zukunft auf dem Gewissen hätte, wäre es lustig. Denn hier kreuzen sich gerade die Interessen verschiedener Leute in der Pro-Prostitutions-Lobby-Arbeit.

Auf der einen Seite diejenigen, die zwar insgesamt Prostitution verbreiten und ausbauen wollen, dabei aber besonders in Deutschland und in allen deutschen Medien vor allem das „mittelständische“ Segment vertreten. Hier geht es um Kleinbordelle und einzelne ggf. tatsächlich unabhängige Escorts und um eher einzelne Zuhälter. Sie sehen sich und ihre Angebots- und Preisgestaltung eingeklemmt einerseits zwischen Großbordellen mit so ziemlich allem im Angebot inklusive flatrates und andererseits dem Straßenstrich in zahlreichen Städten. Beides macht ihre Preise kaputt und daher versuchen sie zur Zeit, Einfluss auf Städte und Gemeinden zu nehmen, damit die Wohnungsprostitution zugelassen wird, sprich Sperrbezirke abgeschafft werden. Sie führen dabei einen gewissen Eiertanz auf. Großbordelle werden gerne mal kritisiert, Flatrates sind aus irgendeinem Grund nicht schlimm, und beim Straßenstrich haben sie Verständnis, wenn Leute das nicht mögen. Nur Wohnungsprostitution ist ganz supi.

Was die Frauen betrifft, die wirklich selber in der Prostitution sind – ich habe Verständnis dafür, dass sie für ihre Geschäftsideen kämpfen. Sie dürfen das auch – und ich darf dagegen sein. Ich muss nicht jedes Geschäftsmodell unterstützen, das mir vorgestellt wird. Diejenigen unter diesen Frauen, die tatsächlich selber ihren eigenen Körper hinhalten – haben Anspruch auf unseren Respekt und Zuhören. (Was nicht mit Übernahme ihrer Forderungen zu verwechseln ist.) Aber die nehme ich verdammt ernst. Ich denke tatsächlich, dass viele von ihnen eben die Entscheidungen getroffen haben, die ihnen unter den ihnen gegebenen Bedingungen die richtigen erschienen. Ich wünsche mir vor allem, dass es diese Bedingungen nie gegeben hätte.

Diejenigen, die das nicht tun, sondern entweder bezahlt oder aus unendlicher bequemer und dekorativer Privilegienputzerei dieses System Prostitution schönreden – bei denen fällt mir Respekt schwer. Ich respektiere auch die Werbemacher für Monsanto nicht. 

Zurück zur gegenwärtigen Lobbyarbeit – neben denjenigen, die jetzt also hoffen, ihre unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen zu wahren, stehen noch die Lobbyist_innen mit „Visionen“, besonderem Weitblick. Denen geht es nicht nur um Prostitution, sondern um die Legalisierung der enormen Gewinne aus Menschenhandel insgesamt. Die haben natürlich keine Probleme mit Großbordellen und Straßenstrich.

Mal sehen, wie lange es dauert, bis das mittelständische Element der Prostitutions-Lobby kapiert, dass nicht mal ihre Lobby-Freunde ihre Freunde sind.

Quellen – ganz leicht zu finden. Der Begriff Menschenhandel bring viele schöne Links und Seiten. Bei einigen vorsichtshalber Eimer neben den PC stellen und saugfähige Tücher.

Denn bei denen heulen so komische Tiere so intensiv. Weil Menschenhandel und Sexismus und Ausbeutung sind ja soooo schlimm. Außer, wenn sie richtig gemacht werden. Dann sind sie super.

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2 Gedanken zu „„Agency“ – der neue neoliberale Erfolg in den Sprachkriegen.

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