# idpet, la manif pour tous, Lebensschützer und „besorgte Eltern“ …

Meine Twitter-Timeline spülte vorhin folgenden – wichtigen – Tweet vorbei:

Gibt es in München eine Gegenmobilisierung dazu? Hoffentlich, aber nicht, dass ich wüsste.

#idpet, die manifestation pour tous, Lebensschützer aller Art, und nun die „besorgten Eltern“ … was absolut erschreckt, ist neben der hohen Anzahl an Menschen, die sich an derartigen Aktionen beteiligen, die vergleichsweise hohe Anzahl junger und sehr junger Erwachsener dabei. Nein – ich habe keine Zahlen, aber bei der manif pour tous in München letzten Sommer habe ich sie gesehen, denn da war ich bei der Gegendemonstration, und über die Lebensschützer wurde das von anderen Gegendemonstrantinnen berichtet. (1)

Mein Fazit kurzgefasst: Wenn es uns nicht endlich gelingt, der Vergewaltigungs- und der Pornokultur, die uns permanent umgibt, etwas Ernsthaftes, Linkes, Demokratisches und Feministisches entgegen zu setzen, wird es hier ziemlich düster. Und wenn einigen Teilen der gängigen – Münchner und andersortigen – Jugendarbeit nicht bald etwas Besseres einfällt als das permanente Verharmlosen von Pornos, dann sehe ich aus feministischer und demokratischer Sicht schwarz.

Wir sehen seit Jahren eine unglaubliche Verharmlosung, Verbreitung und Verherrlichung von Pornos aller Art und eine „Jugendforschung“, die die Existenz von gewalttätigen Pornos einfach übergeht oder als völlig nebensächlich beiseite fegt. Statt dessen wird uns erzählt, dass Jugendliche kein Problem mit Pornos haben, das alles natürlich unterscheiden können von der Wirklichkeit, und die gängige „Jugendarbeit“ hält für Mädchen und Jungen folgende Aussagen bereit:

Für Mädchen:

„Die Forschung schaut zu sehr auf die Risiken als die Chancen des Web 2.0“, resümiert Matthiesen und verweist auf weitere Möglichkeiten, sich in Chats und Foren auszuprobieren, online zu flirten, Geschlechterrollen auszuprobieren, bei vergleichsweise geringen Kosten und Risiken. Natürlich gebe es auch unangenehme Erfahrungen – „so haben knapp 18 Prozent der Frauen schon mal Chat-Cam-Exhibitionismus erlebt“, also entblößte Genitalien auf dem Bildschirm gesehen – doch der Umgang mit solchen Erlebnissen gehöre nun mal zu „einer sexuellen Sozialisation im 21. Jahrhundert, sei es online oder offline“. (2)

 

Oder offline? Alles klar. Na dann, Mädels, stellt Euch nicht so an.

Für Jungen:

„Nein, wir sagen den Jungen, dass das nicht stimmt. Wir sagen ihnen, dass die Frau nicht stöhnt, weil es ihr Spaß macht. Wir sagen ihnen, dass sie nur stöhnt, weil sie dafür bezahlt wird.“ (3)

Alles klar. Und Prostitution samt der Einteilung von Frauen in diejenigen, denen es Spaß machen muss (Partnerinnen) und diejenigen, die dafür bezahlt werden, wird auch gleich ganz hübsch vorbereitet und normalisiert.

Was übergangen wird, ist dass es gar nicht um irgendwelche Sexfilme geht, die zahlenmäßig kaum noch eine Rolle spielen, sondern um gewalttätige Pornos, was nicht gesagt wird, ist dass diese Pornodarsteller Menschen sind, dass das, was da gezeigt wird, Gewalt ist, dass es nicht nur Pixel sind, sondern dass diese Gewalt an realen Menschen – in Wirklichkeit – ausgeübt wird, und dass zu überlegen wäre, wie sie in diesen Gonzo-Pornos landen konnten. Zahlen dazu in den Links unten. Und die „ausprobierten Geschlechterrollen“ verlassen zu keinem Zeitpunkt die Inszenierungen mit ausschließlichem Blick auf „männliche“ Lust. Was nicht statt findet, ist eine klare Sprache.

Dabei wären diese Texte wichtig. Es ist eine Sache, von einer Gewaltdarstellung schockiert zu sein oder ungebeten vorgeführte entblößte Genitalien für „unangenehm“ zu halten. Es ist eine völlig andere, wenn dann so getan wird, als wäre das alles völlig in Ordnung und nur die eigene Reaktion darauf falsch oder übertrieben. Es sind nicht die Verbote oder die Abgrenzungen, die zu Traumatisierungen führen, sondern das Gefühl, mit den eigenen Empfindungen und Reaktionen völlig alleine da zu stehen. Dass es ggf. brutale Dinge gibt – das wissen Jugendliche in der Tat. Aber dass Erwachsene sich weigern, Kinder und Jugendliche davor zu schützen und diese Brutalitäten lieber bagatellisieren, Schock, Ekel oder Kritik daran lieber mit Häme und Gelächter und Belehrungen belegen als mit einer adäquaten Reaktion – das lernen sie erst dann.

Und nun? Gegenmobilisierung gegen üble Demagogen, Demagoginnen, die idpets, die „tous“, die „besorgten Eltern“? Aber mit wem, und von welcher Warte aus?

Jahrzehntelanges Alice Schwarzer Bashing und wüste Diffamierungen gegen jede Form eines radikaleren oder grundlegenden oder wirklich politischen Feminismus haben dazu geführt, dass es kaum noch möglich war und ist, sich offen von der linken Seite des politischen Spektrums aus gegen Pornografisierung, Gonzo-Porn, Prostitution, tw. gegen sexistische Werbung zu stellen. Die milderen Vorwürfe lauten immer noch – verklemmt, vorgestrig, und moralistisch. Kritik ist „hysterisch“. Und: „Das Plakat hat übrigens eine Frau gemacht.“ Und das muss man alles mit etwas Humor und sachlich und vorurteilsfrei sehen.

Der Begriff der „rape culture“ hat sich langsam etabliert – es fehlen immer noch die richtigen Schlussfolgerungen. Bei sexistischer Werbung gibt es langsam ein Problembewusstsein – und diejenigen, die sie nicht „witzig“, „tabulos“ oder „spielerisch“ finden, kriegen selber eine Dosis der Diffamierungen ab, die bisher nur Meinesgleichen vorbehalten war. Zu Ende denken viele es noch nicht. Sexistische Werbung wird abgelehnt, immerhin, denn sie zementiert Geschlechterrollen und objektifiziert Frauen. Erstaunlicherweise gilt dies alles nicht bei Pornos oder in der Prostitution, nein, diese müssen „differenziert“ betrachtet werden, denn hui hui hui – da geht es um Sex außerhalb der Ehe. Wow, also das ist progressiv!

Polemik beiseite und auch Differenzen bei der Bewertung von Prostitution und Pornos beiseite:

Wenn es nicht bald gelingt, dieser Pornofizierung – sprich Pornokultur – laut, demokratisch, links und feministisch etwas entgegen zu setzen, wird es zappenduster. Und damit meine ich nicht das Bedienen eines Soft-Porno Marktes, damit die Mädels auch was kriegen. Irgendwelche Konstruktionen eines „feministischen Porns“. Die beseitigen nicht den Gonzo-Porn, sie dienen ihm als Fassade.(4)

Denn nicht alle Jugendlichen finden diese heftigen Pornos cool. Wenn sie ein paar davon gesehen haben, und sie begegnen ihnen zwangsläufig, dann sind sie erst einmal traumatisiert, und das liegt sicher nicht an Alice Schwarzer, von der sie vermutlich (leider) noch nie etwas gehört haben. Einige entscheiden sich vielleicht für’s „cool sein“, für’s Angeben, für’s Sammeln, für’s johlende Vorführen – wer hat den brutalsten auf dem Handy? Einige wenige für’s Nachspielen. Andere haben Eltern, Mütter, Schwestern, die regulierend eingreifen, andere Bilder von Mädchen und Frauen im Alltag liefern, sich klärend dazu äußern. Und noch andere? Nach dem Anblick solcher Bilder haben die zunächst einmal gar kein Problem mit „Kein Sex vor der Ehe“, ggf. haben sie nicht einmal ein Problem mit „kein Sex in der Ehe.“ Wenn es einer aufgeklärten Jugendarbeit nicht gelingt, hier ein Gefühl des Schutzes vor solchen Erlebnissen und Übergriffen zu vermitteln, einen Konsens über die Bewertung solcher Bilder, dann werden uns diese Jugendlichen weglaufen. Dann landen sie in diesen widerlichen Gruppierungen.

Es ist wirklich wichtig, dass alle Individuen und Träger der freien Jugendarbeit, die Pornos nicht lustig und nebensächlich finden, laut und sichtbar werden. Damit nicht immer nur die einschlägig bekannten Normalisierer, Beruhiger und Verharmloser (+ *_innen) sprechen.

Links zum Thema:

Workshop zu Stopp Porn Culture 30.-31. Mai im Kofra, München. (Auf Deutsch.)
Kofra ist ein Frauenraum, Frauen, die sich in Zusammenarbeit mit Männern gegen Pornokultur engagieren möchten, sind eingeladen, als Multiplikatorinnen zu kommen und dann in ihren eigenen Initiativen aktiv zu werden.

Ein glasklarer und sehr gut recherchierter Artikel:

…….Die lukrative Lügenwelt der Pornobranche (Die Freiheitsliebe, 11. April 2014)

…….Sind Pornos der Schlüssel zur sexuellen Freiheit? (Die Freiheitsliebe, 7. Juli 2013)

…….Verena Brunschweiger, Fuck Porn. Wider die Pornografisierung des Alltags. Marburg (Tectum Verlag) 2013

…….Anita Heiliger, „Pornografisierung – Auswirkungen und Protest“ Kofra 134 

Ausführliche Auseinandersetzungen mit verschiedenen Gesichtspunkten, darin die Namen verschiedener WissenschaftlerInnen:

…….SZ digital 20. Oktober 2012 

…….Broschüre zum Stadtratshearing zu Pornofizierung in München am 29. Januar 2013

…….Gail Dines, Pornland. How Porn has hijacked our sexuality. Boston (Beacon Press) 2010.

Angemessener Verriss der gängigen Porno-Verharmlosung im Zusammenhang mit Jugendlichen (viele Zitate und weiterführende Links): http://de.scribd.com/doc/36940737/Starke-Expertise-der-Sexualforscher-Pornografie-und-Jugend-und-wie-Pornografie-der-Jugend-wirklich-schadet

 

Fußnoten:

(1)
#idpet – eine üble Petition gegen Neuerungen im Lehrplan zu Sexualkunde in Baden-Württemberg. Der „Bildungsplan 2015“ dort sah vor, im Rahmen der Sexualkunde über Homosexualität und Transidentität (u.a.) aufzuklären. Dieses Vorhaben führte zu einer unsäglichen Petition gegen den Bildungsplan, Befürworter_innen der Petition fielen in den folgenden Wochen durch hate speech gegen Schwule, Lesben, Transsexuelle auf. In die Medien kam es durch die harte Arbeit von Nele Tabler.
La manifestation pour tous – Eine Gruppe aus Frankreich, die in Paris riesige Demonstrationen gegen die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Ehen und das volle Adoptionsrecht in diesen Ehen organisierte. Ein Ausläufer dieser Gruppe demonstrierte erfolglos in München im Rahmen einer Pilgerreise am 17. 08. 2013. Erfolglos trotz der Unterstützung des damaligen Stadtrats Karl Richters (Initiative Ausländerstopp, bei der letzten Wahl nicht mehr in den Stadtrat gekommen). Richter war bei seiner Vereidigung durch einen angedeuteten Hitlergruß aufgefallen, für den er verurteilt wurde. Die manif pour tous wurde von einer erheblich größeren und bunteren Gegendemo empfangen und umstellt.
„Besorgte Eltern“ ? Flyer dazu: http://www.donotlink.com/framed?25426 Einziger Kernsatz: „Wir Eltern möchten zusammen mit Ihnen ein Zeichen setzen gegen Gender-Ideologie, gegen Frühsexualisierung an Schulen und Kitas, gegen den Zerfall der Familien und für unser ELTERNRECHT.“ Ich will gar nicht genau wissen, was sie damit meinen. Vermutlich idpet-Ausläufer.

(2)
Silja Matthiesen in SZ digital vom 20. 10. 2012 „Pornografie im Internet“.

(3)
Vertreter von Pro Familia bei einem Stadtratshearing in München, Stadtratshearing am 29. Januar 2013: Pornofizierung: Frauenverachtung in neuer Dimension? Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet, es gibt eine Broschüre dazu. Quelle: Pornofizierung: Frauenverachtung in neuer Dimension?

(4)
Sämtliche Studien zum Thema (in den links enthalten) zeigen unabhängig von ihrer Bewertung von Pornos extreme geschlechtsspezifische Unterschiede in der Pornonutzung, sowohl bei der Häufigkeit als auch bei der Art der Pornos.

 

 

 

 

 

 

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