Freiheit – „unsere“ Freiheit.

Diejenigen, die gegen Prostitution sind, inszenieren eine „moral panic“, sie skandalisieren in einer „moralischen Debatte“ den Menschenhandel, nur um Kontrollen, Abschiebungen und noch mehr Kontrollen durchzusetzen. Die gleichen Leute regen sich auch über Kinderpornographie auf, und weil dies ein „moralisches“ und höchst emotionales Thema ist, können darüber Kontroll- und Überwachungsziele realisiert werden. Deswegen muss sofort und unverzüglich alles thematisiert werden. Außer Kinderpornographie, Menschenhandel oder Prostitution. So die Argumentation der abstrakteren, akademisierten Befürworter_innen der Prostitution.

Nun ja.

Zu „Emotionen“ in der Debatte gibt es einen ausgezeichneten Beitrag von Meghan Murphy auf feminist current, auf deutsch veröffentlicht auf www.abolition2014.blogspot.de.

Zu „Freiheit“ in der Debatte hier mein Kommentar. Dem Gunda Werner Institut ist zu danken, dass sie ihn freigeschaltet haben. Im Anschluss noch ein paar Erläuterungen.

Diese Argumentation (1) folgt der bekannten Struktur, die wir aus Diskussionen zu Kinderpornographie im Internet alle gut kennen. Naive Bürger_innen, so dieser Diskurs, sind ob des Gedankens an Kinderpornographie so schockiert, dass sie sich leicht manipulieren lassen und zu engmaschigen staatlichen Kontrollen des Internets überreden lassen. In Wirklichkeit stehen aber hinter der Skandalisierung von Kinderpornographie (und hier gibt es, wenn wir Pech haben, noch unsägliche Ablenkungsdebatten darüber, was nun alles gar keine pornographische Darstellung von Kindern ist) ganz andere Interessen, vor allem der Wunsch, das Internet und alle Bürger_innen grundsätzlich zu überwachen. Die Debatte ist seit Jahren, Jahrzehnten fast, nicht über diesen Stand hinaus gekommen.

Bei Menschenhandel und Prostitution nun das gleiche „Narrativ“ – naive Bürger_innen fallen auf medial inzsenierte „Narrative“ zur Zwangsprotitution herein und fordern dann Maßnahmen gegen Immigration oder Wohnungsüberwachung. Dazu nun doch ein paar laute Kommentare.

Erstens diffamiert dies alle diejenigen, die sich gegen Kinderpornographie oder gegen Menschenhandel egal zu welchem Zweck oder gegen Prostitution engagieren, pauschal als entweder naiv oder als hinterhältige Abgesandte des „großen Bruders“, als migrationsfeindliche Menschen, die Zusammenhänge nicht verstehen. Ein Vorwurf, den ich gerne zurückgebe.

Zweitens werden falsche Alternativen aufgemacht, die allen Beteiligten und den Werten dahinter schaden. Freiheit im Internet steht gegen Kinderpornographie, Freiheit der Migration, der Mobilität gegen Menschenhandel. „Freiheit“ als höchstes Gut des Menschen (für westliche Menschen, die für „Leben“ nicht kämpfen müssen) wird definiert als „Freiheit“ im Netz, des Zugangs zu „Humankapital“/“human ressources“, wenn ich hier noch die Argumentation von Sabine Schiffer zum Thema Wohnungsprostitution dazu nehme, Freiheit der Wohnung, und diese Freiheiten sind, weil sie uns – westlich, weiß, Mittelschicht, betreffen, universell. Wenn diese Freiheiten durchgesetzt sind, nützt dies allen Menschen auf der Welt, denn wir sind universell.

Dagegen steht dann z.B. Kinderpornographie als besonders brutale Ausbeutung von Menschen, die sich nicht dagegen wehren können (und ein „Empowerment“-Diskurs ist hier kaum anzubringen), dagegen gestellt wird die Zwangsprostitution Minderjähriger oder auch junger Erwachsener aus anderen Ländern (hier wird dieser Diskurs versucht).

Natürlich kann hier je nach Bedarf ein Paket Krokodilstränen mitgeliefert werden. Aber die hier verletzen Freiheiten – die Freiheit, nicht als Kleinkind in einem Porno zerstört zu werden, die Freiheit als 16-Jährige eine Ausbildung zu machen und nicht in einer Wohnung oder einem Bordell zur sexuellen Benutzung bereitgehalten zu werden – sind partikular. Natürlich sind sie irgendwie wichtig und so. Aber sie betreffen nicht uns, die weiße, die europäische, gut gebildete und gut eingesäumte Ober- und Mittelschicht. Sie betreffen nicht unsere Kinder. Daher sind diese Freiheiten eben nicht universell. Eine Verletzung dieser Freiheit ist bedauerlich und falsch und wir müssen etwas unternehmen (oder so). Aber nicht auf Kosten der universellen Freiheiten.

Und hier ist der Moment, in dem ich aussteige. Ich bin viel zu viel im Netz unterwegs um die Freiheit, die Anonymität dort bietet, abschaffen zu wollen. Ich halte Migration für eine Bereicherung jeder Gesellschaft.

Aber ich möchte endlich andere Antworten auf die gewaltigen Menschenrechtsverletzungen durch Pornographie, durch Menschenhandel, durch Prostitution (das Thema neo-liberaler Sprachmanipulationen zur diskursiven Aufhübschung des Phänomens ist auch schon oft und sehr gut behandelt worden), als diese Gegenüberstellung mit der eindeutigen Privilegierung „unserer“ Freiheit, die oft genug nur die Freiheit der Ausbeutung anderer ist. Unsere „Freiheit“ wird am Hindukusch verteidigt – ich gestehe, dass ich nie ganz verstanden habe, was das bedeuten soll. Und unsere Freiheit im Netz, der Wohnung – durch zusammengefickte Dreijährige und sexuell zur Verfügung gestellte Teenager. Ich möchte endlich überzeugende „Narrative“ oder „Diskurse“ darüber, wie beide Freiheiten – unsere und die der hier genannten „anderen“ – gleichwertig gewahrt werden können. Ich möchte, dass ein Gespräch darüber endlich beginnt. Meinetwegen durch Veränderung in der Einstellung der Leute, meinetwegen ohne Verbote, Kontrolle – aber dann wäre Schritt eins wirklich, die Aufrechnungen und die Bagatellisierung der Verletzung der Freiheit anderer zu beenden. Also – Verharmlosen von Kinderpornographie und Aufhübschen von Prostitution beenden. Das wäre ja nun schon einmal einfach und braucht keinerlei Kontrollen oder Verbote.

(1) Gunda Werner Institut, „Kontrolle im Namen des Schutzes: Bekämpfung von Menschenhandel als Vorwand“, Online Artikel zu Menschenhandel, 18. März 2014.

Erläuterungen:

Die Gedankenführung dieser Art wird noch angereichert durch neo-liberale Umdeutungen von an sich wertvollen Begriffen – eine Taktik, die auf diesem Blog schon angesprochen wurde. Beides vereint findet sich in einem Beitrag zu Menschenhandel und Prostitution auf den Online Seiten des Gunda-Werner-Instituts (die Frauen-Seite des Heinrich-Böll-Instituts). Besonders gruselig ist, dass der gleiche Artikel auch auf Portugiesisch veröffentlicht wurde, gruselig wegen der Versuche Bordelle, Zuhälterei und Menschenhandel rechtzeitig vor der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien zu legalisieren.

Von diesem Blog aus wird grundsätzlich nicht auf Pro-Seiten verlinkt. Das hat etwas mit Netzsicherheit (meiner und aller Lesenden meines Blogs) zu tun.

Quellen:

Gunda Werner Institut, „Kontrolle im Namen des Schutzes: Bekämpfung von Menschenhandel als Vorwand“, Online Artikel zu Menschenhandel, 18. März 2014.

Sabine Schiffer, Prostitution und Denunziation auf weltnetz.tv Video 516, sowie als Manuskript auf der Seite ihres Instituts für Medienverantwortung (www. medienverantwortung . de )

Eva Bahl und Marina Ginal, „Von Opfern, Tätern, Helfer(innen) …. „ – das Zeug ist ein Steinbruch für neoliberale Sprachkriege und menschenverachtende Verleumdungen, es findet sich auf einer im Netz leicht zu findenden Seite zu Menschenhandel.

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