Die berufliche Freiheit von Frauen ….

…. eine kurze Polemik.

Anlass: Einer von zig Beiträgen, die locker verstrickt die ganzen Lobby-Argumente zusammensammeln. Hier aus der FAZ – schon Titel und Thema stimmen nicht überein, aber das passt zum Artikel.

Über die Zahlen zum Thema haben sich schon viele Leute ausgelassen – daher gehe ich darauf jetzt nicht ein. Mich bewegt gerade etwas anderes:

Die im Artikel vorgenommene Glorifizierung von Zuhälterei ist schon starker Tobak und erinnert an die ganzen „freiwillligen glücklichen Sexarbeiterinnen“, die uns zur Zeit von den Medien immer wieder vorgeführt werden. Die uns erklären, dass auch flatrate Bordelle gute Arbeitsbedingungen sind und dass die Zulassung der Straßen- und Wohnungsprostitution möglichst überall so wichtig ist.  Das macht es eher unglaubwürdig, dass diese Leute uns wirklich Auskunft darüber geben, was Frauen in der Prostitution brauchen.

Was aber die gesamte Gesellschaft und vor allem die Medienlandschaft angeht:

Dieses plötzliche Interesse an der freien Berufsgestaltung von Frauen bei der  „freien selbstbestimmten Sexarbeiterin“, deren Menschenrecht darin besteht, ihren Beruf ausüben zu dürfen, ist schon sehr interessant in einem Land, das seit mehr als 30 Jahren keine Quote hinkriegt, dem es nicht gelingt, „soziale“ Berufe (Krankenschwester, Erzieherin, Grundschullehramt, Altenpflege) ansatzweise angemessen zu bezahlen und das dies gar nicht versucht. Ich vermisse eine Artikelflut und Talkshow-Welle zum Thema.

Auch das Interesse an der sexuellen Selbstbestimmung von Frauen (ein Gesichtspunkt, der in dem Sammelsurium an Lobbyargumenten im Artikel fehlt) ist erstaunlich in einem Land, dessen Vergewaltigungsdefinition im Vergleich zu vielen Ländern rückständig ist (Gewaltvorbehalt), bei dem „das Bestehen einer längeren Beziehung grundsätzlich strafmildernd zu werten ist“ (Grundsatzurteil des BGH) und in dem alle 2-3 Tage Frauen von ihren (Ex-)Partnern ermordet werden – ohne, dass dies alle zwei bis drei Tage zu einem Zeitungsartikel führt.

Hier, bei einem Geschäftszweig, der jährlich laut statistischem Bundesamt 14,5 Milliarden Euro umsetzt und von dem auf allen interessanten Ebenen Männer profitieren (sei es als wunderbare Freier, als fürsorgliche Zuhälter, als edle Bordellbetreiber oder als kluge Investoren in Riesenbordelle), findet sich plötzlich dieses unheimlich große Interesse an der Freiheit von Frauen und an ihrer Karriere.

Vielleicht zur Erinnerung – es ist günstig, Phänomene wie Prostitution in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext zu sehen. Und daran zu erinnern, dass nach dem schwedischen Modell diejenigen, die selber tatsächlich der Prostitution nachgehen, völlig entkriminalisiert sind. Das ändert ihre Position auch den Freiern gegenüber, die sich nicht wie in Deutschland einfach darauf berufen können, dass Sex doch ausgemacht war und damit alles, was ihnen so einfällt. Die in Schweden von der ersten Sekunde an im Unrecht sind. Und es erledigt das Thema der Ausbeutung durch Zuhälterei auch nicht einfach dadurch, dass sie so umdefiniert ist, dass sie nur noch in besonders brutalen Fällen rechtlich fassbar ist.

Und dann wäre noch daran zu erinnern, dass es überhaupt keinen Beweis für einen Anstieg von Gewalt in der Prostitution in Schweden gibt. Und dieses Modell ist ziemlich gründlich evaluiert worden.

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