Schweden, Sicherheit und Behauptungen

Das schwedische Gesetz hat Prostitution nur unsichtbarer gemacht. Das schwedische Gesetz hat Prostitution nur in die Illegalität abgedrängt. Das schwedische Gesetz hat Prostitution gefährlicher gemacht. Das schwedische Gesetz hat nur die Straßenprostitution eingeschränkt.

Studien zeigen, dass in Schweden …. und jetzt bitte die Behauptungen von oben einsetzen.

Es gibt damit nur ein Problem – die Aussagen stimmen so nicht, und die „Studien“ gibt es so auch nicht. Sie werden ja auch nicht genannt, nur behauptet.

Grundlage für die Aussagen ist ein Zwischenbericht aus Oslo (übrigens liegt das in Norwegen), dagegen stehen die verschiedenen Evaluierungen des Gesetzes in Schweden selber – unten dazu einige Links.

Die von Prostitutionsbefürworter_innen verbreiteten Behauptungen zur Gefährdung der Frauen durch das Sexkaufverbot beziehen sich auf eine Studie in und zu Oslo, die in Norwegen gemacht wurde, um im Rahmen des dort neu eingeführten Gesetzes – ähnlich dem schwedischen – die Situation von Frauen in der Prostitution abzuklären. Norwegen änderte seine Gesetze dazu 2009, vor allem nach massiven Problemen mit Menschenhandel. Die Studie in Oslo stammt aus dem Jahr 2012 und vergleicht die Situation der Frauen vor- und nach dem Gesetz. Ein Ziel der Studie war auch, die Arbeit der Beratungsorganisation Pro Sentret zu evaluieren und zu verbessern, wobei Pro Sentret ähnlich wie zahlreiche Organisationen hier gegen die Freierbestrafung ist.
Die Studie enthält eine Menge interessanter Zahlen – problematisch war und ist eher ihre Vermarktung durch Prostitutionsapologeten und Verharmloser_innen.  Eine norwegische englischsprachige Zeitung (The Local) berichtete zweimal (1 + 2) eher reißerisch über die Ergebnisse und – sagen wir – vereinfachten sie dabei. Es ist schließlich übersichtlicher, wenn Zahlen zu Beleidigungen, Haare reißen, brutalen Prügeln und Vergewaltigung nicht so einzeln da stehen. Unter einen einzigen Gewaltbegriff subsumiert, wirkt das klarer. Allerdings verzerrt so etwas die Ergebnisse, aber die waren ohnehin nicht wirklich Gegenstand des Artikels. (Und erinnert an die Vorgehensweisen, mit denen auf einschlägigen Blogs die hohe Gewaltbereitschaft von Frauen in Beziehungen nachgewiesen werden soll, aber das ist nicht unser Thema hier.)

Bei all den Zahlen gibt es – egal, welche Seite sie zu welchem Zweck nutzen will – immer die gleichen Unsicherheiten. Da Gewalt gegen Frauen normalerweise nicht auf offener Straße statt findet, gibt es hier sehr hohe Dunkelziffern. Belegen steigende oder fallende Zahlen nun eine Zunahme oder Abnahme an Gewalt? Oder belegen Sie eine steigende oder sinkende Anzeigebereitschaft? Ohne genauere Untersuchungen mit Berücksichtigung dieses Dunkelfelds nicht angezeigter Gewalt ist dies kaum zu sagen.

Was allerdings verglichen werden kann, neben den Zahlen, sind Definitionen von Gewalt. Sie hat verschiedene Formen – Mord, Vergewaltigung, schwere Körperverletzung, auch Dinge wie Drohungen mit Waffen bis hin zu Beleidigungen und Beschimpfungen …

Soll „Gewalt“ statistisch erfasst werden, ist es nötig, sie im Rahmen der jeweiligen Untersuchung zu definieren. Sollen Ergebnisse aus verschiedenen Jahren verglichen werden, muss die gleiche Definition zu Grunde gelegt werden. Eine zusammenfassende Definition, die verbale Beleidigung, Haare reißen, Niederschlagen mit der Faust und Vergewaltigungen unter eine Ziffer subsumiert, ist weniger sinnvoll. Es ist auch nicht sinnvoll, unterschiedliche Untersuchungszeiträume zu vergleichen, was in dieser Studie aber gemacht wird. Die Fragen aus der ersten Umfrage 2007/08 bezogen sich auf sämtliche bisherigen Erfahrungen der Frauen in der Prostitution, die Fragen in der zweiten (2012) auf Erfahrungen in den letzten drei Jahren. Das sind methodische Mängel, die zu Vorsicht beim Umgang mit den Zahlen führen müssen – egal, wer sie nutzt.

Hier einige Zahlen aus dem Bericht:

In einer Umfrage aus den Jahren 2007/2008 hatten 52% der Frauen in der Prostitution Gewalterfahrungen angegeben, 2012 waren es 56%. Wenn hier noch berücksichtigt wird, dass in der ersten Umfrage nach Gewalterlebnissen insgesamt gefragt wurde, und in der zweiten nur nach Gewalterlebnissen in den letzten drei Jahren, dann klingt das beunruhigend. Und so wie die Apologeten es gerne hätten.

Daneben stehen allerdings andere Zahlen. Zur Übersicht – hier die Tabelle:

Norwegen Statistik

(Quelle, darin S. 22.)

Es gibt eine Reihe von Unklarheiten – was ist der Unterschied zwischen „Vergewaltigung“ und „Zu Sex gezwungen/dahin bedroht worden, der nicht vereinbart war“ (2) ? Wie erklären sich die unterschiedlichen Zahlen bei unterschiedlicher Gewalt? Und wie war die Zahlenbasis vor 2007/08 – wie lange waren die damals befragten Frauen der Prostitution ausgesetzt gewesen?

Eines ist allerdings klar – einen Beleg für gestiegene Gewalt insgesamt gibt es in den Zahlen nicht. Es gibt die Möglichkeit, sie vorsichtig in Richtung einer gesunkenen Gefährdung in zahlreichen Formen zu lesen. Es gibt die Möglichkeit, sie wegen der methodischen Probleme einfach zu ignorieren. Im Sinne der Prostitutionslobby zu brauchen sind sie nicht.

Die von der Prostitutionslobby und von einigen Apologeten zirkulierten „Ergebnisse“ der Studie sind daher auch keine eigenen Auswertungen der Zahlen selber – es dürfte sichtbar sein, warum nicht – sondern Zitate aus dem Bericht. Für die Schlussfolgerungen im Bericht gibt es jedoch kein anderes Material, als eben diese Zahlen – sie können daher genau so hinterfragt werden. Sie verlassen sich letztlich auf Vorurteile oder Stereotypen zum Thema, etwa dass Sex in einem „Massage-Parlour“ sicherer ist als beim Kunden zu Hause. Das mag sein – aber letztlich hängt die Sicherheit der Frau nicht vom Aufenthaltsort ab, sondern davon, wie sie dem Kunden entgegen treten kann. Dies wiederum hängt ab von ihrer Situation – wie verzweifelt braucht sie sein Geld – von der Gesetzeslage samt Rechtsprechungspraxis, und vom Verhalten der Polizei.

Und hier wäre zu fragen, ob die gesetzliche Erlaubnis, die Bezahlung einzuklagen, die Position der Frau so viel mehr stärkt, als ein Gesetz, dass den Freier an sich schon ins Unrecht setzt. Ob nicht andere Gesetze – wie ein Anspruch der Frau auf Entschädigung wegen der Gewalt (s. Schweden) wichtiger ist als eine Ausdehnung der Prostitution als „Gewerbe“.

Auch andere lancierte Zahlen – siehe den Zeitungsbericht – sind schwierig. Prostitution ist unsichtbar geworden und damit nicht mehr zu erfassen? Gleichzeitig berichtet The Local über einen signifikanten Anstieg der Prostitution. Die Herkunft der Zahlen ist ohnehin völlig unklar, aber ein messbarer Anstieg an total unsichbarer ___________________ ? (<- hier kann eigentlich alles eingesetzt werden.) Ein Argument muss fallen gelassen werden, entweder ist die Prostitution jetzt in Oslo nicht mehr zu erfassen, oder sie ist gestiegen.

(Das Argument sollte ohnehin schnell fallen gelassen werden. Bei der Zahlenlage in Deutschland, wo es weder verpflichtende Gesundheitsuntersuchungen gibt (obwohl viele Frauen in der Prostitution das gerne hätten), noch eine Anmeldepflicht für die Frauen seitens der Bordelle noch eine Registrierungspflicht kann anderen Ländern „Unsichtbarkeit“ des Phänomens wirklich nicht vorgehalten werden.)

Ein weiteres Argument des Berichts geht auch in beide Richtungen los. Die Kriminalisierung der Freier hätte die „netten“, „normalen“ Kunden reduziert, so dass jetzt anteilig mehr der „schlechten“ Freier übrig geblieben sind. Wie verhält sich das zu den immer drastischeren Erwartungen der Freier in Deutschland?

Und da jetzt weniger Kunden auftreten, bestünde in Oslo jetzt ein Markt, der von den Freiern/Käufern bestimmt wird. Das Verhältnis Freier/anbietende Frau habe sich verschlechtert. Wie gesagt, Zahlen dazu fehlen für Oslo. Und für Deutschland?? Unabhängig von der Frage, ob diese Aussage für Oslo überhaupt stimmt – wie sieht dieses Verhältnis zur Zeit in unserem Land aus? Die dazu vorliegenden Zahlen sprechen nicht für das deutsche Modell.

Fazit:

Für die Behauptung, in Schweden hätte die Gewalt gegen Frauen in der Prostitution zugenommen, die Gewalt gegen Frauen insgesamt ebenfalls (eine Behauptung, die inzwischen nicht mehr so oft auftaucht) und die Prostitution sei für die Polizei und die Öffentlichkeit nur unsichtbar geworden, gibt es überhaupt keine Beweise, dazu müssen einzelne Zahlen nicht einmal besonders problematisiert werden.
Innerhalb Schwedens wurden die oben genannten Thesen mehrfach widerlegt. Es gibt einfach keine Zahlen, die eine Zunahme an Gewalt, an geheimer Prostitution, an Übergriffen etc. seit 1999 belegen würden.

Es gibt in Schweden seit 2002 (EU-Erweiterung) einen Anstieg der Straßenprostitution, bzw. der Prostitutionsversuche. Die meisten Frauen aus Bulgarien, Ungarn oder Rumänien kennen das schwedische Gesetz gar nicht und sind erstaunt, wenn sie gar nicht belangt werden. Wenn der Freier an die Polizei zahlt und wenn der Zuhälter eingesammelt wird.

Von Prostitutionsbefürworter_innen wird in diesem Zusammenhang immer mal wieder Susanne Dodillet genannt, Deutsche, an der Universität Göteborg, die diese Behauptungen mehrfach aufstellte und gut platzierte. Ihre Auseinandersetzung mit Kritik an der Prostitution beschränkt sich auf die Unterstellung irgendwelcher „Moral“ der KritikerInnen – nun ja. Andere Studien und Namen kenne ich in diesem Zusammenhang nicht – auch die ausschließlich im Ausland tätige schwedische Prostitutionslobby (Rose Alliance) hat keine oder hält sie geheim.

Dodillet und andere bekamen die Möglichkeit, sich in einem APuZ auszubreiten. APuZ ist kurz für  „Aus Politik und Zeitgeschichte“, Begleitheft zur Wochenzeitschrift „Das Parlament“, finanziert von der Bundeszentrale für Politische Bildung. APuZe sind kostenlos und liegen in öffentlichen Bibliotheken oder auch Schulbibliotheken aus. Das Heft „Prostitution“ ist vergriffen, kann aber heruntergeladen werden.

Es enthält nicht einen kritischen Artikel zu Prostitution, lediglich der letzte Beitrag, der sich mit der Nachfrage nach käuflichem Sex befasst, lässt eine kritisch-hinterfragende Haltung erkennen. Er ist auch der mit Abstand am gründlichsten recherchierte Artikel im Heft, der einzige, der eine kritische Reflexion des Themas zeigt. (3)

Der Bericht aus Norwegen kommt nur zu einem tragfähigen Ergebnis:

Frauen in der Prostitution sind in erheblichem Ausmaß Gewalt ausgesetzt.

Die Gründe dafür sind in Olso die gleichen wie in Deutschland – wenige Alternativen zur Prostitution, kein stabiles soziales Umfeld, da sich die Szene dauernd ändert, und Gewalttäter, die von guten Bedingungen ausgehen und ausgehen können. Deutschland hat bisher darauf keine gute Antwort gefunden. Die bisherigen Vorschläge der Prostitutionsbefürworter beruhen nur auf Klischees, die weniger nützen als die Ratschläge an Frauen gegen Vergewaltigung. Die glückliche Sexarbeiterin kann den Freier anzeigen, während die …. allein schon hier bricht die Argumentation zusammen. …  vom Zuhälter kontrollierte Frau das nicht kann. So muss es weiter gehen.

Jeder Ansatz, der dazu geeignet ist, das Phänomen Prostitution wenigstens zahlenmäßig einzudämmen, ist ein Beitrag zur Gewaltreduzierung. Und die Möglichkeiten einer Gesellschaft, 10 000 Frauen aufzufangen und zu unterstützen, sind besser, als dies für 200 000? 700 000 ? leisten zu müssen. Das Argument, dass die ja dann größtenteils in ihre Heimatländer zurückgehen und damit kein Problem für die deutsche Gesellschaft sind und nicht in unseren Kranken- oder Sozialkassen auftauchen – darauf warte ich noch. Gelten lasse ich es nicht.

Links zu den Evaluationen des schwedischen Gesetzes:

The results of the evaluation of the Swedish ban on the buying of sexual services – long extract in English

The results of the evaluation of the Swedish ban on the buying of sexual services – Summary in English

The results of the Evaluation of the Swedish ban on the buying of sexual Services – Gesamtbericht – schwedisch.

Auf der dänischen Seite „Grosse Freiheit?finden sich weitere Informationen und links, unter anderem zu Power-Point-Präsentationen dazu, allerdings auch auf schwedisch.

Weitere Informationen zu den Auswirkungen des Schwedischen Gesetzes – hier MIT Studien und MIT den bibliografischen Angaben dazu:

Auseinandersetzungen mit den Studien  auf Blogs:

  • Auseinandersetzung mit den „Studien“, die Zunahme an Gewalt in Schweden belegen (mit Zahlen und weiterführenden Links) bei „Johnstompers“
  • Auseinandersetzung mit den „Studien“ auf „feminist current“ (ebenfalls mit Zahlen und weiterführenden Links).
  • Dagegen argumentieren Prostitutionsbefürfworterinnen aus Kanada/USA .. die sich natürlich ‚feministisch‘ nennen. Nun ja. Die gleichen Leute nennen Zuhälter ja auch Beschützer. Zwei Artikel auf Feministire, der erste zitiert wahllos einzelne „Schlussfolgerungen“ – ohne auf die Zahlen einzugehen, der zweite geht auf die Zahlen ein, und kommt damit dann zu keinem Ergebnis. Außer, dass es nicht möglich ist, zu Ergebnissen zu kommen.

Für die ersten beiden Links gilt „Feminismuswarnung“ – mit feministischen und solidarischen Grüßen!

(1)  Unter „Home“ gibt es eine Kommentarmöglichkeit und ein Kontaktformular. Falls es diese Studien doch gibt (mit vollständiger Angabe, ggf. Link, Fußnoten etc.) bitte zusenden.
Belehrungen zur sexuellen Befreiung der Frau per Sexarbeit bitte nicht zusenden. Die kenne ich schon. Die norwegische Studie von Pro Sentret ist hier Gegenstand des Artikels.

(2) Die Studie zählt für den Zeitraum vor 2007/08 sechs Frauen, die hier wohl die gleiche Definition gesehen  haben. Für die zweite Umfrage gibt es keine Aussagen dazu. Möglicherweise geht es hier einfach um Sex/Formen von Sex, die vorher nicht ausgemacht waren. Für Deutschland wäre es einfach – es würden die Definitionen des BGH gelten. Vergewaltigung gilt dort nur, wenn sich die Opfer sichtlich gewehrt haben. Sonst gilt praktisch nur das Dafürhalten des – Freigesprochenen. Wenige Ausnahmen betreffen die Ausnutzung einer schutzlosen Lage – praktisch kaum zu erfüllen – und die Vergewaltigung widerstandsunfähiger Personen. Norwegen hat allerdings andere Gesetze, etwa die „fahrlässige Vergewaltigung“, etwas das in Deutschland wohl dem „bedingten Vorsatz“ entspricht. Für eine Verurteilung reicht es, dass der – nicht mehr Freigesprochene – wusste/annehmen konnte, dass die Frau nicht wollte und dass es ihm egal war.

(3) Vom Autor dieses letzten Beitrags gibt es ein Buch, die Veröffentlichung seiner Dissertation: Udo Gerheim, Die Produktion des Freiers. Macht im Feld der Prostitution. (Bielefeld 2012)

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